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Mit Hörgeräten gegen die Gewalt – ein Deutscher hilft in Mexiko

Ausland

Mit Hörgeräten gegen die Gewalt – ein Deutscher hilft in Mexiko

Der mexikanische Bundesstaat Guerrero an der Pazifikküste hat eine der höchsten Mordraten des Landes. Der gebürtige Düsseldorfer Dirk Hecken eröffnet mit seiner Stiftung Kindern neue Perspektiven. Von Antonia Märzhäuser

Jennifer Martínez Pineda kann dank Hilfe aus Deutschland zum ersten Mal in ihrem Leben richtig hören. (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

Jennifer Martínez Pineda kann dank Hilfe aus Deutschland zum ersten Mal in ihrem Leben richtig hören. (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

Konzentriert beim Hörtest im medizinischen Zentrum von Linda Ivet Hernandez Mendoza: Jennifer Martínez Pineda (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

Konzentriert beim Hörtest im medizinischen Zentrum von Linda Ivet Hernandez Mendoza: Jennifer Martínez Pineda (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

An, aus, an, aus. Jennifer Martínez Pineda schiebt den Schalter der Taschenlampe hin und her. Das Mädchen sitzt mit Kopfhörern in einer schaumstoffverkleideten Zelle aus Holz. Jedes Mal, wenn sie etwas hört, schickt sie durch ein kleines Fenster Lichtsignale in das Behandlungszimmer. Der Hörtest in dem medizinischen Zentrum von Linda Ivet Hernandez Mendoza in Iguala, im Norden des mexikanischen Bundesstaats Guerrero, ist einfach, aber effektiv. Jennifer hört zum ersten Mal in ihrem Leben richtig. Dank eines kleinen Gerätes aus Deutschland in ihrem Ohr – und dank Dirk Hecken.

Mit seiner Stiftung betreibt der 76-Jährige in Guerrero seit knapp 20 Jahren eine Art ehrenamtliches Importgeschäft. Er besorgt Hörgeräte aus Deutschland und gibt sie an Kinder, deren Familien sich einen solchen Apparat niemals leisten könnten. „Man muss mit 10.000 Pesos (etwa 500 Euro) für ein gutes Gerät rechnen“, erklärt Hecken. Fast doppelt so viel wie das monatliche Haushaltseinkommen in dem ländlich geprägten Bundesstaat.

Abhängig von Spenden

Dirk Hecken sitzt im Audiometriezentrum von Linda Ivet Hernandez Mendoza. (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

Dirk Hecken sitzt im Audiometriezentrum von Linda Ivet Hernandez Mendoza. (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

Die Hörgeräte werden durch Spenden aus Deutschland finanziert. Mit der Hilfe von lokalen Audiometriezentren, wie dem von Hernández Mendoza, versorgt der gebürtige Düsseldorfer so pro Jahr etwa 70 bis 80 Kinder. Wie vielen geholfen werden kann, hängt allein davon ab, wie viele Geräte Hecken aus Deutschland geliefert bekommt. Es könnten mehr sein, wie er sagt – denn Kinder mit Hörproblemen gibt es in dem armen und von Gewalt geprägten Bundesstaat eine ganze Menge.

„Es gibt meistens einen Grund, warum die Kinder nicht hören. Von Geburt an haben es die wenigsten“, berichtet Hernández Mendoza, die eigentlich als Lehrerin gearbeitet hat. Nachdem sie feststellte, dass viele Schüler wegen Hörproblemen im Unterricht nicht mitkommen, eröffnete sie das Zentrum, in dem nun die Hörgeräte getestet werden. Häufig seien es verschleppte Entzündungen, die nie von einem Arzt behandelt worden seien und dann zu Hörschäden geführt hätten, so Hernández Mendoza.

Aber nicht immer sind nur Krankheiten schuld daran, dass die Kinder nichts oder schlecht hören. Hecken kennt auch andere Geschichten: Wie die des Mädchens, das von klein auf Schläge auf das Ohr bekommen hat. Der Vater terrorisierte die ganze Familie, die Mutter offenbarte beim Hörtest Wunden von Messereinstichen in ihrem Bauch.

Angst vor dem Tod gehört in Guerrero zum Alltag

Hecken hat sich nach 17 Jahren in Guerrero an viel gewöhnt. Der Bundesstaat gehört mit durchschnittlich sechs Tötungsdelikte pro Tag im vergangenen Jahr zu den gefährlichsten Mexikos. Seit 2014 wurden in Iguala 43 Studenten entführt und ermordet. Mitverantwortlich für das Verbrechen sollen auch die Polizei und der Bürgermeister gewesen sein. Touristen kommen seitdem kaum noch in die Gegend, die einst beliebt war wegen ihrer Kolonialarchitektur und atemberaubender, grüner Landschaft.

Ihm selbst sei noch nie etwas geschehen, sagt Hecken, der mit drei Hunden und einer Ente zwischen den Städten Iguala und Taxco in einem kleinen Dorf wohnt. Nur einmal, da sei direkt vor seinem Haus ein Laster in Flammen aufgegangen – beladen mit Marihuana. Woran sich Hecken in all den Jahren nicht gewöhnt hat, sind die verpassten Chancen der Kinder von Guerrero. „Es gibt Eltern, die wollen die Geräte direkt verkaufen, um Geld zu machen.“

Deswegen versucht Hecken alle Familien persönlich kennenzulernen. Auch Jennifer und ihre Mutter hat er in ihrem Dorf einige Kilometer von Iguala entfernt besucht. Als am Tag des Hörtests das Gespräch auf den Ehemann kommt, kämpft die Frau mit den Tränen. Sie sei Alleinverdienerin der Familie. Ihr Mann, Alkoholiker, würde schon lange nichts mehr zum Haushalt beisteuern.

Gekommen – und geblieben

Eigentlich wollte Dirk Hecken nur ein halbes Jahr in Mexiko bleiben. (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

Eigentlich wollte Dirk Hecken nur ein halbes Jahr in Mexiko bleiben. (Foto: Antonia Märzhäuser/dpa)

„Ein halbes Jahr, länger nicht.“ So lange wollte Hecken Anfang der 80er Jahre in Mexiko bleiben. „Ich kannte Mexiko nur aus Filmen mit John Wayne und hatte dementsprechend ein schlechtes Bild. Aber dann war alles ganz anders.“ Aus den sechs Monaten sind 37 Jahre geworden. In der Zwischenzeit hat er ein Restaurant geführt, eine Produktionsfirma geleitet, war Rallyefahrer und Hersteller von versilberten Klangkugeln. Heckens Lebenslauf ist so eigenwillig wie sein Spanisch: „Soy auf der Autopista“, ruft er zwischen zwei Terminen ins Handy. Verstehen tut ihn hier trotzdem jeder.

Vor 20 Jahren übernahm er ein Grundstück mit Hacienda, einem alten Landhaus, von einem deutschen Ehepaar. Gleichzeitig entstand die Idee, etwas zu tun, für diese sonst oft vergessene Gegend. Die Entscheidung für Hörgeräte war rein pragmatisch. „Ich hatte einen guten Freund mit zehn Hörgerät-Geschäften in Düsseldorf und Stiftungen für krebskranke Kinder gab es bereits. Und so wurden es eben Hörgeräte.“

Einige der Kinder haben mit Hilfe der Geräte die Schule abgeschlossen und studieren heute an der renommierten Nationalen Autonomen Universität in Mexiko-Stadt. Wie überall auf der Welt, leidet auch Guerrero daran, dass junge Menschen mit großen Plänen die Gegend verlassen. Für Hecken war das Anlass, sich einem neuen Projekt zu widmen: Er will, dass Guerrero für Unternehmen attraktiver wird, und er beabsichtigt, auf seinem Grundstück eine Schule für technische Ausbildungen eröffnen. Das Know-how soll aus Deutschland kommen, die Finanzierung aus Mexiko. Der Düsseldorfer hat eine Vision für Guerrero – und die beginnt mit den einheimischen Kindern.

(RP/dpa)

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