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Münchner Frühling: Birgit Kober stellt sich in den Weg

Alltag

Münchner Frühling: Birgit Kober stellt sich in den Weg

Die zweifache Paralympicssiegerin berichtet über ihren Protest gegen ignorante und behindertenfeindliche Straßenbahnfahrer.

Die zweifache Paralympicssiegerin berichtet über ihren Protest gegen ignorante und behindertenfeindliche Dienstleister im öffentlichen Personennahverkehr.

Birgit Kober stoppt mit ihrem „Genny“ eine Münchner Straßenbahn (Foto: privat)

Birgit Kober stoppt mit ihrem „Genny“ eine Münchner Straßenbahn (Foto: privat)

Seit einiger Zeit gibt es immer mal wieder Diskussionen mit Trambahnfahrern, ob ich auf der Linie, die nach Moosach (bei München) fährt, einsteigen darf oder nicht. Auf anderen Strecken wurde ich stets mitgenommen. Es handelt sich nur um einige wenige Fahrer, die meinen Segway-Rollstuhl nicht akzeptieren und sich nicht überzeugen lassen, dass ich mich in meinem eigenen Interesse nicht in ein für mich oder andere lebensgefährliches Gefährt setze. Die meisten sind beruhigt, wenn ich ihnen die Stützen zeige, und gut ist es. Seit über einem Jahr fahre ich auf diese Weise mehr oder weniger „problemlos“ mit der Tram durch München. In U-Bahnen, S-Bahnen und Bussen sowieso, da hat noch nie jemand gemeckert.

Aber man will nicht die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, wenn man immer im Hinterkopf haben muss, dass man stehen gelassen werden könnte. Hauptkritikpunkt bei den skeptischen Fahrern ist, dass ich bei einer Vollbremsung durch die Tram fliegen könnte. Ich weiß nicht, wie das möglich sein soll, weil ich sicherer stehe als jeder Kinderwagen, jede Frau mit Rollator, jeder, der ein Fahrrad mitführt, und jeder andere Rollifahrer, und Busse – in die ich immer reingelassen werde – bremsen für gewöhnlich stärker als Straßenbahnen. Aber logischen Argumenten sind manche Menschen halt nicht wirklich aufgeschlossen.

Nun gut, gestern durfte ich also noch problemlos ins Training fahren, heute wurde ich über 30 Minuten lang von keinem Fahrer mitgenommen. Es regnete in Strömen, der Regen ging langsam durch mein Regencape, hatte meine Schuhe und Socken schon durchweicht, und dann hat es mir gereicht. Nach der sechsten Straßenbahn platzte mir der Kragen und ich hab der Fahrerin gesagt: „Entweder Sie nehmen mich jetzt mit, oder ich bleibe einfach so lange vor Ihrer Tram stehen, bis Sie es sich anders überlegt haben!“

Bin ich jetzt ein Terrorist?

Das hab ich dann auch getan. Innerlich hab ich schon gezittert, weil so etwas nicht unbedingt meine Art ist. Tja, dann mussten alle Leute aussteigen, ich hab mich höflich entschuldigt und ihnen gesagt, dass sie die Fahrerin nur zu überzeugen bräuchten, dann würde es ganz schnell weitergehen. Die meisten hatten Verständnis und meinten, ich solle ruhig stehen bleiben. Nur einer wollte mich wegzerren, hätte mir fast Genny kaputt gemacht, sagte zu mir, ich wäre ein Terrorist. Ich glaub, ein Terrorist bin ich nicht, ich wollte mich einfach nicht mehr hilflos in diese Situation fügen.

Dann kam ein Mensch von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), der meinte, ich solle wegfahren und dass es seit heute eine Dienstanweisung gäbe, nach der ich mit einem Gefährt wie dem meinigen nicht mehr in der Straßenbahn fahren dürfe und Dienstanweisung wäre eben Dienstanweisung. Wenn derartige Anweisungen aber total unlogisch sind, weil ich zum einen nicht nur erst gestern, sondern seit über einem Jahr im gesamten Streckennetz mit anderen Verkehrsmitteln des MVG gefahren bin, dann verstehe ich solch eine Dienstanweisung nicht.

Mir wurde gesagt, dass die armen Leute wegen mir nun 20 Minuten Verspätung hätten. Tja, und wer fragt mich, ob ich 30 Minuten im Regen gestanden habe, weil mich keiner mitnimmt? Wer fragt mich, wie ich jetzt wieder heim komme? Letztlich kam die Polizei, es gab aber keine Konsequenzen für mich. Und das alles nach dem großartig-tollen Protesttag zur Gleichstellung der Menschen mit Behinderung am 5. Mai! Bleibt die Konsequenz: Ich werde weiterhin mit meinem Rollstuhl unterwegs sein – und mich nicht stoppen lassen.

(RP)

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6 Kommentare

6 Kommentare

  1. Nikole Müller

    10. Mai 2015 um 16:56

    Jawoll…klasse machen Sie weiter so(und hoffendlich gesellen sich noch ein paar rollifahrer dazu ) Es ist ein unding,das wir rollifahrer bei wind/wetter de facto vom oeffendlichen nahverkehr ausgeschlossen sind/werden auf grund von vorurteilen und/oder schlicht,weil wir oeffendliche verkehrsmittel aus baulichen gruenden nicht nutzen koennen und kein mensch bei den verkehrsbetrieben/-verbuenden interesse daran hat dies zu aendern(und kommunen entscheiden rein nach kassenlage ) Stimmt,wir sind nicht behindert,wir werden behindert !!!

  2. M.j. Krzemien

    10. Mai 2015 um 18:24

    @ Frau Müller – haben Sie sich durch gelesen, was in dem Artikel stand – und auch was Sie geschrieben haben ???

  3. Rainer Kuckuck

    10. Mai 2015 um 21:15

    Respekt an Frau Kober!

    • Astrid Klinkmüller

      11. Mai 2015 um 14:06

      Den hat sie verdient – ich finde das sehr mutig und bin mir nicht sicher, ob ich mich das getraut hätte!

  4. Astrid Klinkmüller

    11. Mai 2015 um 14:09

    Das scheint ja durch das Land zu gehen, dass Rollstuhlfahrer, Scooter, Elektrorollstuhlfahrer und was sonst so von Menschen mit Behinderungen benötigt wird, es immer wieder erleben, vom öffentlichen Nahverkehr ausgeschlossen zu werden. In Hamburg „dürfen“ gerade ElektrorollstuhlfahrerInnen gerne den Bussen winken!

  5. Otmar Kuenzer

    7. August 2017 um 11:56

    Ein Bravo an Frau Kober.
    Ich kann nicht glauben das wir heutzutage im Jahr 2017 so ein Willkür erleben müssen. Gerade der Rollisegway bietet für gehbehinderte Mitmenschen einen unglaublichen Mobilitätsgewinn. Mit dessen parallelen Rädern kommt man viel besser über Bordsteine etc. voran als z.B. mit dem normalen Rollstuhl!
    Die Begründung in der Dienstanweisung wegen des Katapulteffekt gilt auch für jeden Kinderwagen, Rollator etc.
    Ich denke, daß so mancher Strassenbahnführer einfach nicht die Zivilcourache besitzt Dinge die neu und eben nicht oder noch nicht gesetzlich geregelt sind positiv und im Sinne der Menschen zu bewerten. Ich will damit sagen, es ist typisch deutsch allem Neuen mit größter Skepsis und Ablehnung zu begegnen.
    Möge es noch viele Frau Kober geben die alleine gegen gößte Widerstände um ihr Recht kämpfen.
    Danke und Respekt.
    Otmar Kuenzer

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