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Raus aus der Opferrolle: Blindai Dô bietet Selbstverteidigung für Nicht-Sehende

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Raus aus der Opferrolle: Blindai Dô bietet Selbstverteidigung für Nicht-Sehende

Blinde und sehbehinderte Menschen sind beliebtes Ziel von Langfingern und Halbstarken. Bei Marco Beyer sollten sie es lieber nicht versuchen. Der Marburger hat nicht nur die Diagnose Makuladystrophie – sondern auch den schwarzen Gürtel in Jû Jûtsu.

Marco Beyer im Gi

(Foto: privat)

Der Selbstverteidigungstrainer aus Marburg treibt seit dem Jugendalter Kampfsport und will seine Kenntnisse weitergeben. Mit seinem Großmeister hat er den Stil „Taidô Ryû“ des Jû Jûtsu weiterentwickelt. „Blindai Dô“ richtet sich hauptsächlich an Menschen mit Sehschädigung und lehrt eine effektive, kontaktbasierte Verteidigungstechnik gegen Angriffe.

Abseits des Dojos zeigt Beyer seine weiche Seite – er engagiert sich in der Jugendbildung und besucht regelmäßig Kindergärten und Schulen. Immer mit dabei: sein Assistenzhund „Ringo“. Zudem bietet er Informationsveranstaltungen und Motivationstrainings für Vereine und Unternehmen an.

Marco Beyer mit Assistenzhund Ringo beim Spaziergang. Der Marburger verlässt sich lieber auf seinen Blindenführhund als auf den Stock.

Marco Beyer mit Assistenzhund Ringo beim Spaziergang. Der Marburger verlässt sich lieber auf seinen Blindenführhund als auf den Stock. (Foto: privat)

Beyer lebt seit seiner Kindheit mit juveniler Makuladystrophie – einer seltenen Netzhautdegeneration, die das scharfe Sehen bereits in der Jugend massiv beeinträchtigt – und degenerativer Myopie, welche ihn bis zu seinem 27. Lebensjahr komplett erblinden ließen. Über seine bewegte Geschichte und sein Leben mit Sehbehinderung hat er vor einiger Zeit eine Autobiographie im Selbstverlag herausgegeben.

Im ROLLINGPLANET-Interview verrät er, wie er zur Kampfkunst kam und wie sich Menschen mit Behinderung bei Gefahr selbst verteidigen können.

„Ich wurde oft als Klotz am Bein gesehen“

Guten Tag, Herr Bayer. Sie sind mit 27 Jahren vollständig erblindet. Was waren die ersten Anzeichen in der Kindheit?

Den Erzählungen meiner Eltern nach hat es sich mit circa drei Jahren geäußert, dass ich nicht gut sehen kann. Wenn das Glas links stand,  griff ich nach rechts zum Beispiel. Das war der Grund, dass meine Eltern mit mir zum Augenarzt gegangen sind und dieser nach der Untersuchung eine Kurzsichtigkeit festgestellt hat. Das waren damals schon minus sechs Dioptrien. Das war schon heftig und hat sich dann von Jahr zu Jahr gesteigert – das wurde immer mehr, die Brillengläser wurden immer dicker.

Konnte man nichts dagegen unternehmen?

Irgendwann bekam ich Kontaktlinsen. Mit denen kam ich gut zurecht und habe das auch eigentlich gut ausgleichen können… bis auf ein paar Sachen, die halt noch nie funktioniert haben. Ich bin mit dem Fahrrad zum Beispiel prinzipiell auf stehende Autos aufgefahren – bis ich die sehen konnte, waren sie auch schon da. Oder in der Schule saß ich in der ersten Reihe, konnte aber trotzdem nie alles sehen. Augenärzte und Optiker haben mir schon in jungen Jahren prognostiziert, dass ich irgendwann erblinden werde. Das habe ich natürlich nicht geglaubt, aber mit 27 Jahren war es dann soweit. Und sie hatten recht.

Sie haben damals eine reguläre Schule besucht. In Ihrer Autobiographie schildern Sie die Zeit als schwierig…

Heutzutage sagt man wahrscheinlich „Mobbing“ dazu. Die anderen Kinder und Jugendlichen haben immer ganz schnell gemerkt, dass ich schlecht sehen kann, dass ich anders bin und etwas nicht mit mir stimmt. Je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es. Ich wurde oft als Klotz am Bein gesehen, der nicht so viele Dinge machen kann wie andere und auf den man ein Stück weit Rücksicht nehmen musste. Und das wollten die anderen häufig nicht…

…und haben deshalb mit dem Kampfsport begonnen?

Ich bin mit dem Kampfsport aufgewachsen. Mein Vater hat mehr als 25 Jahre Judo ausgeübt, was mich familiär geprägt und fasziniert hat. Und auch ich habe als Kind mit dem Judo angefangen. Ich habe allerdings bald gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist, weil es einfach keinen Spaß gemacht hat. Dann habe ich relativ viel aus dem Sektor ausprobiert. Bei vielem habe ich leider recht schnell feststellen müssen, dass das gar nicht oder nicht so gut mit einer Sehschädigung funktioniert. Da fast alles auf Distanz oder schnelle Reaktionen ausgelegt ist, konnte ich eigentlich nicht positiv davon profitieren und die Probleme feststellen müssen, die ich schon kannte.

Sie haben allerdings die Suche nicht aufgegeben. Wie haben Sie die passende Stil gefunden?

Irgendwann war es vom Stand meiner Sehkraft so, dass ich nur noch hell und dunkel sehen konnte. Da habe ich in Marburg nach einem Kampfstil gesucht, der auf Kontakt geht. Ich habe mich umgeschaut und ausprobiert: Was gibt es? Was funktioniert bei mir? So bin ich zum Taidô Ryû Jû Jûtsu gekommen, dem ich nun seit über zehn Jahren treu bin und vor einiger Zeit erfolgreich die Prüfung zum 1. Dan (Anmerkung der Redaktion: Schwarzer Gürtel) abgelegt habe.

Marco Beyer bei der Boxabwehr.

Marco Beyer (rechts) mit Trainingspartner bei der Abwehr eines Faustschlages. (Foto: privat)

Was macht dieses System so geeignet für Menschen mit Sehbehinderung?

Es gibt mehrere Kampfkunst- und Kampfsportarten, die auch auf Kontakt gehen. Judo zum Beispiel. Allerdings ist das ein Kampfsport, der auf Wettbewerb ausgelegt ist, mit Gewichtsklassen, Regeln und Pokalen – ohne primären Aspekt der Selbstverteidigung. Taidô Ryû Jû Jûtsu ist ein gut auf die Bedürfnisse von Blinden und Sehbehinderten anpassbarer Kampfstil, der zu 80Prozent auf Kontakt geht. Wir machen reine Selbstverteidigung unter dem Gesichtspunkt des Notwehr-Paragraphen und müssen uns an keine Regeln außer den geltenden Gesetzen halten. Das wäre nämlich im Wettkampf zu gefährlich. Im Gegensatz zu anderen Systemen bietet es die Möglichkeit der Weiterentwicklung für Menschen mit Beeinträchtigungen und ich unterrichte mit Hauptaugenmerk darauf.

Was für konkrete Handlungshilfen bei Gefahr können Menschen mit Sehbehinderung aus Ihren Kursen mitnehmen?

Das Ziel meiner Kurse ist natürlich, sich effektiv gegen Angriffe verteidigen zu können. Aufgrund der Einschränkungen als Blinder oder Sehbehinderter hat man natürlich noch weniger Zeit als ein Sehender und muss das auch anders einschätzen. Mein Anliegen ist in erster Linie, dass sich die Menschen selbstbewusst in der Öffentlichkeit bewegen können und entsprechend auftreten. Das ist bereits die halbe Miete. Das Herauskommen aus der Opferrolle und das Ausstrahlen einer gewissen Selbstsicherheit senkt die Chance angegriffen zu werden ungemein. Die Teilnehmer lernen auch gemäß ihrer Möglichkeiten, Gefahren einzuschätzen und zu de-eskalieren. Selbst wenn ich als blinder oder sehbehinderter Mensch beim Angriff nicht zum Zuge komme, passiert sicher irgendetwas, womit der andere nicht rechnet und aus dem Konzept bringt. Selbst wenn ich zu Boden gehe, aber keine Angst zeige, wieder aufstehe und mich entferne, ist das Gegenüber mit Sicherheit überrascht und lässt oft ab.

Marco Beyer bei der Würgeabwehr.

Die Stilrichtung „Blindai Dô“ arbeitet fast ausschließlich mit Körperkontakt. Daher können sich damit auch Menschen mit Sehbehinderung effektiv verteidigen. (Foto: privat)

Eignet sich das Training auch für Menschen mit anderen Behinderungen? Kann ich beispielsweise als Rollstuhlfahrer auch davon profitieren?

Ja, das ist möglich. Die Selbstverteidigungtechnik funktioniert für fast alle körperlichen Einschränkungen, solange sich die Menschen irgendwie bewegen können. Taidô Ryû Jû Jûtsu eignet sich auch für Gehörlose, da es auf Kontakt geht. Für Rollstuhlfahrer mit Sicherheit auch, es müsste nur angepasst werden. Bei der Ausübung spielt es dabei keine Rolle, ob ich stehe oder sitze.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen

Kontakt

Marco Beyer
Telefon: 06421 / 942 69 61
Mobil: 0175 / 363 73 78
E-Mail: info@blin-dai-do.de
Web: http://www.blin-dai-do.de
Facebook: https://www.facebook.com/Blindaido

Termine

Sie finden die aktuellen Trainingszeiten und Veranstaltungsorte unter http://blin-dai-do.de/trainingszeiten/

Autobiographie

Die Autobiographie „The blind Jiuka – Das Leben des Marco Beyer in der Welt der Sehenden“ (Softcover, 80 Seiten, ISBN: 9783745033823) ist für 8,99 € bei Epubli erhältlich.

(RP)

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