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Sebastin Wien: Der Bildhauer mit Parkinson

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Sebastin Wien: Der Bildhauer mit Parkinson

Der Dortmunder Bildhauer ist fest davon überzeugt, dass seine künstlerische Arbeit für ihn auch einen medizinischen Nutzen hat. Von Christoph Driessen

Der Künstler Sebastian Wien hinter einer seiner Skulpturen.  (Foto: Oliver Berg/dpa)

Der Künstler Sebastian Wien hinter einer seiner Skulpturen. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Sebastian Wien ist Bildhauer. Und Parkinson-Patient. Gerade hat er erzählt, dass seine Kunst inhaltlich nicht viel mit der Krankheit zu tun habe. Aber dann fällt sein Blick auf eines seiner Werke, ein abstraktes Muster auf einer Metallplatte. „Das sieht aus wie ein Bild von einem Nervengeflecht aus einem Raster-Elektronenmikroskop“, meint er nachdenklich. „Mikrostrukturen im Gehirn, die ich da quasi als Makrostrukturen auf Metall bringe. Das ist mir vorher gar nicht aufgefallen.“

Gut acht Jahre ist es jetzt her, dass der Dortmunder Künstler die Diagnose Parkinson erhielt. So wie immer mehr Menschen. In Deutschland sind verschiedenen Schätzungen zufolge zwischen 200.000 und 400.000 Menschen erkrankt. Weltweit habe sich die Zahl der Patienten von 2,5 Millionen im Jahr 1990 um das Zweieinhalbfache auf über sechs Millionen im Jahr 2016 erhöht, teilt die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen zum Welt-Parkinson-Tag am 11. April mit. Hauptursache dafür sei, dass die Menschen immer älter würden. Ob zusätzlich Umweltfaktoren eine große Rolle spielen, ist unklar – einige Forscher gehen davon aus.

Die Diagnose stellt die ganze Lebensplanung auf den Kopf

Im Schnitt sind Patienten 60 Jahre alt, wenn die Krankheit bei ihnen festgestellt wird. Wien war allerdings noch keine 50. Die Nachricht schockierte ihn. „So eine Diagnose stellt ja erst einmal die ganze Lebensplanung auf den Kopf“, erzählt der ruhige, schlanke Mann in seinem Atelier. „Parkinson ist zwar nicht tödlich, aber es ist eine starke Beeinträchtigung und nicht aufhaltbar.“ Die Krankheit lässt Nervenzellen im Gehirn nach und nach absterben. „Es ist nicht zu verzögern, geschweige denn zu heilen. Man kann nur die Symptome lindern.“ Einer seiner ersten Gedanken war: „Da werde ich nicht mehr lange arbeiten können.“

Sebastian Wien schleift in seinem Atelier an einer Skulptur. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Sebastian Wien schleift in seinem Atelier an einer Skulptur. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Denn Wien benötigt für seine Arbeit sowohl Kraft als auch Fingerspitzengefühl: Er erschafft abstrakte Stahlskulpturen. Viele sind von beachtlicher Größe – und doch wirken sie filigran und leicht, scheinen zu schweben. Manche balancieren nur auf einem Punkt. Eine Besonderheit ist die Oberfläche – sie ist anders als man es bei Stahl erwarten würde: glatt und anschmiegsam, warm, fast lebendig.

Diese Wirkung ist nur durch einen langen Bearbeitungsprozess zu erzielen. Schleifen, schweißen, schneiden – das ist Wiens tägliche Arbeit im Atelier. „Dazu kommt das Patinieren, Rosten, Einpinseln, Betupfen mit dem Schwamm. Wenn’s da um die Ecken geht, dann wird’s ein bisschen schwieriger für mich.“ Vor allem bei der Feinmotorik macht ihm die Krankheit zu schaffen.

Outsourcen kommt für Wien nicht in Frage

Um das zu demonstrieren, nimmt er einen Stift – seine Hand zittert. „Früher habe ich den Strich frei gezogen, jetzt muss ich mir ein Lineal hinlegen. Oder beim Schneiden mit der Flex, da muss ich drauf achten, dass ich rechtzeitig Pause mache, weil sich die Finger sonst nicht mehr lösen. Ganz schlecht geht das Schrauben. Aber es ist zum Glück immer noch keine wirkliche Beeinträchtigung, sondern schlimmstenfalls eine Verzögerung.“

Die Herstellung der Werke eines Tages an jemanden outzusourcen, ist für ihn undenkbar. „Das wäre wie wenn sich ein Koch ein Rezept ausdenken und es dann bei Lieferando bestellen würde.“ Um sich seine derzeitige Lebensqualität noch möglichst lange zu erhalten, tut der 56-Jährige viel für seine Gesundheit. Er versucht, sich gesund zu ernähren, macht Sport und Yoga.

„Es ist schon echt Programm“

Einmal in der Woche geht er zur Physiotherapie, einmal im Monat lässt er sich alternativ-heilkundlich behandeln, einmal im Jahr macht er eine dreiwöchige Kur. „Es ist schon echt Programm.“ Dazu kommen Medikamente. Nach anfänglichen Einstellungsschwierigkeiten hat er heute kaum noch mit Nebenwirkungen zu kämpfen, am ehesten noch mit mangelndem Antrieb. Wenn man allerdings die große Ausstellung gesehen hat, die er im vergangenen Monat im Baukunstarchiv in Dortmund zeigte, scheint das Motivationsproblem doch relativ zu sein.

Gar nicht vorstellen kann er sich, eines Tages mit der künstlerischen Arbeit aufzuhören. „Denn kreativ zu sein, das Gehirn zu nutzen, das hat, glaube ich, auch einen therapeutischen Effekt. Das wirkt einer Verlangsamung im Kopf entgegen. Insofern ist das für mich, unabhängig vom Künstlerischen, ein wichtiger medizinischer Faktor. Ich mache weiter, solange es geht.“

(RP/dpa)

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