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Sexualisierte Gewalt im Sport – wie gehen die Special Olympics damit um?

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Sexualisierte Gewalt im Sport – wie gehen die Special Olympics damit um?

Interview mit Vizepräsident Hubert Hüppe: „Jeder, der bei uns mitmacht, wird verpflichtet, bei sexueller Gewalt hinzuhören und hinzusehen.“

Hubert Hüppe ist seit 2011 Vizepräsident der Special Olympics Deutschland und war Behindertenbeauftragter der Bundesregierung. (Foto: Stella von Saldern)

Hubert Hüppe ist seit 2011 Vizepräsident der Special Olympics Deutschland und war Behindertenbeauftragter der Bundesregierung. (Foto: Stella von Saldern)

Unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ starteten am Montag die Special Olympics in Kiel. Bis Freitag gehen rund 4.600 Athletinnen und Athleten – mit und ohne geistige Behinderung – an den Start. Neben Gold, Silber und Bronze in 19 Disziplinen kämpfen die Teilnehmer auch für mehr gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung für ihre Leistungen – im und außerhalb des Sports. Welche Botschaften die Spiele senden und wie die Special Olympics das Thema (sexualisierte) Gewalt angehen, erläutert Hubert Hüppe, Vizepräsident der Special Olympics Deutschland, in unserem Interview. Geführt wurde es von Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ möchte es Frauen mit Behinderung erleichtern, sich bei Gewalterfahrungen Unterstützung zu suchen. Die Beraterinnen helfen unter der Nummer 08000 116 016 und unter www.hilfetelefon.de daher auch in Leichter Sprache – anonym, vertraulich, kostenlos und rund um die Uhr. Erfahren Sie hier mehr: www.hilfetelefon.de/das-hilfetelefon/beratung/leichte-sprache.html

Hüppe ist seit 2011 Vizepräsident der Special Olympics Deutschland und verantwortlich für den Bereich Politik/Inklusion/Gesundheit. Von 2010 bis Januar 2014 war er Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und setzt sich – damals wie heute – für die Umsetzung der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen in allen Lebensbereichen ein. Der 64-Jährige ist zudem Mitglied im Bundesvorstand der Bundesvereinigung Lebenshilfe.

Interview: Was tun die Special Olympics Deutschland, um sexuelle Übergriffe im Sport zu verhindern?

Die Gründerin der Special Olympics Eunice Kennedy-Shriver hat einmal gesagt, dass es bei dem weltweit größten Sportereignis für Menschen mit geistiger Behinderung nicht unbedingt auf die stärkste körperliche und psychische Verfassung ankommt. Worum geht es Ihrer Meinung nach und was sind die Botschaften, die die Special Olympics in Kiel senden möchten?

Im Mittelpunkt steht der Sport. Menschen mit sogenannter „geistiger“ Behinderung haben leider längst nicht so viele Möglichkeiten wie Nichtbehinderte sich in Wettbewerben zu messen. Für viele Sportler wird dies ein unvergessliches Erlebnis sein. Es wird so viele „Unified“ Wettbewerbe, bei denen behinderte und nichtbehinderte Sportler zusammen antreten, wie noch nie geben. Der Wahlspruch von Special Olympics „Gemeinsam sind wir stark“ macht deutlich, dass die Selbstständigkeit, das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein der Athletinnen und Athleten gestärkt werden sollen. Das Hauptziel bleibt die Inklusion. Wir wollen in Kiel dazu beitragen, dass die Trennung der Lebenswelten von Menschen mit und ohne Behinderungen überwunden wird.

Welche Rolle spielt der Sport dabei, speziell weibliche Athletinnen mit Behinderung zu empowern und ihnen zu einem selbstbewussten Lebensstil zu verhelfen?

Sport verändert grundsätzlich bei behinderten wie nichtbehinderten, weiblichen und männlichen Menschen nicht nur den Körper, sondern unterstützt auch die Persönlichkeitsentwicklung. Man lernt sich und seine Fähigkeiten kennen und erfährt, dass man sich durch Training stark macht. In dem während der Spiele zusätzlich angebotenen Gesundheitsprogramm wird auch das Thema „Innere Stärke“ behandelt. Dabei sollen die Sportlerinnen und Sportler geschult werden, mit seelischen Belastungen umzugehen.

Frauen mit Behinderung sind etwa doppelt so häufig von sexueller Gewalt betroffen wie Frauen ohne Behinderung. Sie befinden sich oft in Situationen, in denen sie von Anderen abhängig sind und in denen diese Abhängigkeit ausgenutzt wird. Der Sport bildet hier keine Ausnahme. Birgt der Sport damit nicht nur Chancen, sondern auch Risiken?

Studien besagen, dass Frauen mit sogenannter „geistiger Behinderung“ sogar noch stärker betroffen sind, weil sie häufig in Einrichtungen wohnen und/oder arbeiten. Der Sport birgt, wie fast jeder Bereich, auch Risiken, denen wir uns bewusst sind. Wir versuchen als Dachverband dem vorbeugend entgegenzuwirken. Aber gerade die Wettbewerbe, viele davon inzwischen auch inklusive, bieten die Chance, sich Anderen gegenüber außerhalb von Einrichtungen, aber auch außerhalb der Familie, zu öffnen. Jeder, der bei uns mitmacht, wird verpflichtet hinzuhören und hinzusehen.

„Alle unterschreiben einen ,Ehrenkodex‘“

Was tun die Special Olympics Deutschland, um sexuelle Übergriffe im Sport zu verhindern bzw. Athletinnen und Athleten sowie Betreuerinnen und Betreuer für das Thema und Unterstützungsangebote zu sensibilisieren?

Jeder, der in Kiel an den Start geht, erhält bei der Anmeldung ein Informationsblatt zum Thema Vorbeugung von sexualisierter Gewalt. Alle Akteure um die Sportlerinnen und Sportler herum werden in Schulungen auf das Thema aufmerksam gemacht. Sie lernen dort, wie man sexuelle Gewalt verhindert und was man tun kann, wenn etwas passiert ist.

Helferinnen und Helfer, Betreuerinnen und Betreuer und Trainerinnen und Trainer unterschreiben zudem einen sogenannten „Ehrenkodex“. Das bedeutet, dass sich jeder verpflichtet, hinzuhören und hinzusehen, wenn es um dieses Thema geht. Wir machen zusätzlich auf das Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ aufmerksam.

Außerdem wird im Rahmen der Spiele eine Wanderausstellung über Selbstbestimmung und Schutz vor sexueller Gewalt für Menschen mit Lernschwierigkeiten präsentiert. Dort werden auch Arbeitsgruppen zum Thema angeboten.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ richtet sich mit seinem Beratungsangebot in Leichter Sprache an Frauen mit geistiger Behinderung, die Gewalt erlebt haben. Wie kann man es Betroffenen möglichst leicht machen, sich zu öffnen und Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Wichtig ist, dass Frauen mit Behinderungen von dem Angebot wissen und überall ohne Beaufsichtigung anrufen können. Durch die mit dem Teilhabegesetz nun verbindlich vorgeschriebenen Frauenbeauftragten in Werkstätten ist ein weiterer Schritt gemacht worden. Diesen Beauftragten müssen jetzt aber auch entsprechende Schulungen angeboten werden. Jeder Träger einer Einrichtung muss aus meiner Sicht verpflichtet werden, dass das Wissen über Hilfe und der Zugang zu den Hilfen gesichert ist. Dabei wäre mir wichtig, dass alle Opfer sofort Zugang zu gewaltfreien Räumen haben. In Einrichtungen müssen die mutmaßlichen Täter gehen – nicht die Opfer. Für Frauen außerhalb von Einrichtungen muss es auch Notaufnahmen geben. Frauenhäuser sind auf Frauen mit sogenannter „geistiger Behinderung“ nicht eingestellt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Special Olypmics Deutschland (SOD) ist die deutsche Organisation der weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. SOD ist als Verband mit besonderen Aufgaben Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und verschafft heute mehr als 40.000 Menschen mit geistiger Behinderung selbstbestimmte Wahlmöglichkeiten von behinderungsspezifischen bis hin zu inklusiven Angeboten. SOD entsendet regelmäßig Delegationen zu Special Olympics Weltspielen – das nächste Mal 2019 nach Abu Dhabi.

(RP/PM)

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