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Trotz Paralympics-Medaillen: Bei Clara Klug stehen Sponsoren immer noch nicht Schlange

Bildung & Berufsleben

Trotz Paralympics-Medaillen: Bei Clara Klug stehen Sponsoren immer noch nicht Schlange

Warum sich das Leben der 24-Jährigen seit Pyeongchang dennoch deutlich geändert hat – ein Interview über Alltag, Studium, Sport, Glückshormone und Motivation.

In wenigen Tagen beginnen für Clara Klug die Vorbereitungen zur WM in Kanada, die im Februar 2019 stattfindet. (Foto: privat)

In wenigen Tagen beginnen für Clara Klug die Vorbereitungen zur WM in Kanada, die im Februar 2019 stattfindet. (Foto: privat)

Gleich bei ihren ersten Paralympics 2018 in Pyeongchang gewann Para-Biathletin Clara Klug zwei Bronzemedaillen über 10 km sowie über 12,5 km – und durfte anschließend gemeinsam mit ihrem Guide Martin Härtl die deutsche Fahne bei der Abschlussfeier tragen. Parallel zum Spitzensport studiert die 24-Jährige, die nahezu komplett erblindet ist, Computerlinguistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und muss dabei so manche Hürde überwinden. In unserem Interview spricht Klug, wie sich ihr Leben seit den Paralympics verändert hat.

Clara, Du kommst gerade aus einem dreiwöchigen Trainingslager aus Südtirol zurück. Hast Du dort die Grundlagen für die neue Saison gelegt?

Das Trainingslager war der erste Schritt in Richtung Paralympics 2022. In Peking werden meine Wettkämpfe auf 1500 Metern stattfinden und mit dieser Höhe habe ich bisher noch nicht so viele Erfahrungen gesammelt. Von daher war das Höhentrainingslager die erste Grundlage für hoffentlich erfolgreiche Paralympische Spiele in vier Jahren. Denn bei den diesjährigen Spielen habe ich „Blut geleckt“. Die zwei Erfolge in Pyeongchang waren total schön, aber es gibt ja auch noch andere Medaillenfarben…

Mit Deinen zwei Bronzemedaillen und der Tatsache, dass Du gemeinsam mit Deinem Guide Martin Härtl bei der Abschlussfeier die deutsche Fahne tragen durftest, gibst Du Dich also noch nicht zufrieden?

Ich habe ja grad erst angefangen, Pyeongchang waren meine ersten Spiele! Vor einem Jahr war es noch lediglich mein Ziel, an den Paralympics teilzunehmen, wenn möglich erfolgreich. Als ich dann meine erste Medaille gewonnen habe, herrschte bei mir eher Unglaube vor, ich konnte es wirklich kaum fassen und war anfangs mit der Situation nahezu überfordert. Die Freude darüber stellte sich eigentlich erst später ein. Was ich dagegen sofort realisiert hatte, war die Nachricht, dass wir die deutsche Fahne bei der Abschlussfeier tragen dürfen. Ich hab mich so gefreut, dass ich auf dem Stuhl ein Tänzchen aufgeführt habe.

Clara Klug beim Schießen. (Foto: privat)

Clara Klug beim Schießen. (Foto: privat)

Seit diesen Erfolgen stehen Sponsoren bei Dir Schlange?

Das kann man nicht wirklich sagen. Ich bin sehr dankbar, dass ich einen guten Materialsponsor habe, aber monatlich kommen natürlich viele einzelne Kosten zusammen, die nicht abgedeckt sind. Angefangen von meiner WG – ich habe das Glück, ein noch bezahlbares Zimmer in München zu haben –, aber insbesondere im Sport auch viele Fahrtkosten. Ich kann beim Langlaufen nicht einfach vor der Haustüre losrennen. Von daher bin ich sehr froh, dass ich neben der Kader-Förderung über die Deutsche Sporthilfe inzwischen auch das Deutsche Bank Sport-Stipendium bekomme. Das ist eine riesengroße Unterstützung, vor allem, weil es eine feste, planbare Einnahmequelle ist. Das gibt mir eine große Sicherheit und generell die Freiheit, meinen Sport überhaupt machen zu können.

„Schon komisch, was so eine Medaille ausmacht“

Hat sich nach Deiner Rückkehr aus Pyeongchang in Deinem Alltag etwas verändert? In einem Interview hast Du gesagt, dass Du aufgrund der vielen Anfragen in Deinem Postfach leichte „Panikattacken“ hattest.

Ich hatte eine Reihe an Interview-Anfragen, für Veranstaltungen oder auch Stiftungen, für die ich tätig werden sollte. Schon komisch, was so eine Medaille ausmacht, mit einem vierten Platz wäre mir das sicherlich nicht passiert. Die erhöhte Aufmerksamkeit bringt zusätzliche Arbeit mit sich, aber das ist ja auch gut so. Und in den letzten Monaten habe ich gelernt, damit umzugehen und nur das zu machen, was ich auch schaffen kann. Im ersten Moment vor der Heimreise aus Pyeongchang hatte ich meine Bachelorarbeit im Kopf und vor der Brust. Zwei Tage nach meiner Rückkehr war ich deshalb auch wieder in der Uni, um sie fristgerecht anzumelden.

Stößt Du mit dem Leistungssport an der Universität auf ausreichend Verständnis?

Die Ludwig-Maximilians-Universität in München ist eine Partnerhochschule des Spitzensports und auch Vertragspartner des Olympiastützpunktes, von daher funktioniert es einigermaßen gut. Mein Dozent, bei dem ich die Bachelorarbeit geschrieben habe, hat sich jedes Rennen von mir in Pyeongchang angeschaut.

Das viel größere Problem für mich ist meine Sehbehinderung. Blind zu studieren ist nicht einfach. Lehrpersonen haben viel zusätzliche Arbeit, mir Kursmaterialien und Prüfungen für meine Hilfssoftware aufzubereiten oder mir überhaupt digitale Versionen der Materialien zur Verfügung zu stellen. Es hängt sehr vom Willen jeder einzelnen Lehrperson ab, ob das klappt und ist meinerseits mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden. Benötigt man dann auf Grund des Leistungssports Sondertermine für Prüfungen oder hat hohe Fehlzeiten, kommt das meist nicht gut beim Prüfer an. Ich muss also einerseits immer sehen, dass ich den Stoff aufhole und überhaupt in einer für mich lesbaren Form erhalte und gleichzeitig ständig sowohl meine Behinderung als auch den Leistungssport vor den Lehrpersonen verteidigen.

„Über meinen Sport leiste ich etwas, das andere, nicht behinderte Menschen nicht können“

Wäre das Leben ohne Leistungssport einfacher?

Der Leistungssport öffnet mir viele Türen. Ich lerne über ihn ganz andere Leute und Länder kennen, neue Dinge werden für mich möglich. Ich habe auch ganz neue Bewegungen erlernt, an die ich mich sonst nie herangetraut hätte, habe gelernt, mich durchzubeißen. Über meinen Sport leiste ich etwas, das andere, nicht behinderte Menschen nicht können. Das gibt mir ein ganz anderes Standing. Aber es ist auch sehr anstrengend. Aufgrund meiner Blindheit benötige ich mehr Erholung als andere, weil viele Schritte im Alltag mehr Aufwand und Konzentration bedeuten. Das verursacht einerseits häufig starke Kopfschmerzen und benötigt andererseits viel Energie, die mir dann im Training und beim Lernen oftmals fehlt.

Clara Klug mit ihrem Guide Martin Härtl. (Foto: privat)

Clara Klug mit ihrem Guide Martin Härtl. (Foto: privat)

Wie sieht Dein Alltag aus?

Eine große Herausforderung ist die Organisation meines Trainings, da mein Guide, Martin Härtl, nicht vom Dienst freigestellt wird. Ich absolviere also zahllose Stunden in München alleine auf dem Laufband und beim Krafttraining. Das Sportart-spezifische Training findet an zwei bis drei Tagen pro Wochen gemeinsam mit Martin statt. So komme ich derzeit auf circa 20 Trainingsstunden pro Woche. Hinzu kommen Regenerationsmaßnahmen wie Dehnen und Physio. Die Uni baue ich so gut es geht drum herum ein. Bisher hat das so gut geklappt, dass ich soeben meine Bachelorarbeit abgegeben habe. Aber das Ganze funktioniert auch nur, weil Martin einen Großteil seines Lebens auf unser gemeinsames Training, Trainingslager und Wettkämpfe ausrichtet.

Der Anteil von Martin Härtl am Erfolg

Wird die Leistung von Begleitläufern Deiner Meinung nach ausreichend gewürdigt?

Nicht im Geringsten. Das ist auch aktuell ein großes Thema bei uns, das wir auch versuchen, ein bisschen voranzutreiben. Wir starten als Team und es ist eine Teamleistung, und das wird leider gar nicht als Solches gesehen. Martin muss unheimlich fit sein, fitter als ich, denn er muss ja neben dem Laufen noch nonstop Kommandos geben, sich umschauen, sich nach mir orientieren, die Strecke im Blick haben. Rein sportlich ist das eine riesen Leistung, dazu kommt seine Leistung außen rum. Martin arbeitet Vollzeit, muss selber trainieren, muss mit mir trainieren. Dass wir gemeinsam eine tolle Leistung bringen, versuchen wir aktuell in den Fokus zu rücken.

Was sind Deine kommenden Ziele und wie motivierst Du Dich in den nächsten Monaten?

Unser Saisonhöhepunkt ist die WM im Februar. Aber die ist noch weit weg. Wenn ich also morgens früh zuhause bin und denke: „Ne, heut‘ echt nicht, heut’ hab ich keinen Bock“, dann hol ich meine Medaillen raus, und dann geht es besser. Das setzt bei mir Glückshormone und Motivation frei. Und dann gehe ich den nächsten Schritt an und noch einen. Ab August haben wir dann mit der Nationalmannschaft bis Ende November jeden Monat einen Lehrgang von fünf bis sieben Tagen. Im Dezember gehen dann die Wettkämpfe los, so dass wir dann im Weltcup unterwegs sind. Und dann kommt irgendwann die WM in Kanada.

Danke für das Interview!

Steckbrief Clara Klug
Geboren: 16. Juni 1994
Sportart: Para Biathlon und Langlauf
Wohnort: München
Verein: PSV München
Größte Erfolge: Paralympics-Bronze 2018 im Biathlon über 10 km sowie über 12,5 km
Studium: Computerlinguistik
Universität: Ludwig-Maximilians-Universität München

(Quelle: Stiftung Deutsche Sporthilfe)

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