Kontaktieren Sie uns

Rollingplanet | Portal für Menschen mit Behinderung

Unsere Helden des Tages: Wie Milla, Frieda und Carla helfen, Kinderlähmung auszurotten

Bayern

Unsere Helden des Tages: Wie Milla, Frieda und Carla helfen, Kinderlähmung auszurotten

Tausende Kinder sammeln deutschlandweit kleine bunte Plastikdeckel, um die Krankheit Polio weltweit einzudämmen. Jeder kann mitmachen – auch wenn er erwachsen ist.

Die Schülerinnen Frieda, Clara und Milla aus der Grundschule des Elisabethenheims in Würzburg organisieren für einen guten Zweck bunte  Plastikdeckel. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Die Schülerinnen Frieda, Clara und Milla aus der Grundschule des Elisabethenheims in Würzburg organisieren für einen guten Zweck bunte Plastikdeckel. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Milla, Frieda und Carla zählen konzentriert viele bunte Plastikdeckel und sortieren sie dabei von einem weißen Eimer in einen anderen. Mehrere Hundert Deckel liegen vor ihnen. „Immer wenn ich zehn Stück gezählt habe, mache ich einen Strich“, sagt die neunjährige Frieda von der Grundschule des Elisabethenheims in Würzburg. Die Kinder zählen die Kunststoffverschlüsse nicht etwa, um ihr mathematisches Können zu vertiefen. Sie tun das, um im weltweiten Kampf gegen die hochansteckende Infektionskrankheit Kinderlähmung mithelfen zu können. „Mit etwa 500 Deckeln kann eine Impfung gegen Kinderlähmung bezahlt werden“, erklärt Lehrer Rainer Claus. Seit fast zwei Jahren betreut er das Projekt an der Schule.

In Deutschland und Europa ist Kinderlähmung (Poliomyelitis) bereits ausgerottet. Sie kann Lähmungen auslösen und zum Tod führen. In Ländern wie Pakistan, Afghanistan und Nigeria gibt es sie dagegen noch. Auch mit Blick auf den regen internationalen Reiseverkehr empfiehlt das Robert-Koch-Institut (RKI) deshalb die Impfung für alle Kinder und Erwachsene.

Bei Kinderlähmung gibt es keine Heilung. Sie kann aber mit einer Impfung verhindert werden. In Deutschland sind dem RKI zufolge fast 95 Prozent aller Erstklässler gegen Polio geimpft. In ärmeren Ländern ist die Bilanz längst nicht so gut – und damit kann das Virus auch in poliofreie Gebiete wieder eingeschleppt werden.

Das Projekt „End Polio now“

In den 1980er Jahren haben sich die Wohltätigkeitsorganisation Rotary und die Weltgesundheitsorganisation WHO das Ziel gesetzt, die Krankheit weltweit auszurotten. Seitdem sammeln die Rotarier für das Projekt „End Polio now“ (Jetzt Polio stoppen, siehe auch Info-Kasten unten) jedes Jahr sehr viel Geld. Die Grundimmunisierung eines Säuglings mit vier Schluckimpfungen kostet der Hilfsorganisation Unicef zufolge 68 Cent.

Milla, Frieda und Clara hinter einer mit bunten Plastikdeckeln gefüllten Tonne. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Milla, Frieda und Clara hinter einer mit bunten Plastikdeckeln gefüllten Tonne. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Jeder kann sich beteiligen

Die deutschen Rotary-Clubs setzen zudem auf die Kunststoffverschlüsse von Milch- und Saftkartons sowie Plastik-Getränkeflaschen. Denn diese Deckel bestehen aus Polyethylen, einem hochwertigen und gut recycelbaren Material. Ein Deckel wiegt etwa zwei Gramm. Und eine Tonne davon bringt rund 300 Euro, wenn sie an ein Recyclingunternehmen verkauft wird.

Alte Deckel werden zu barem Geld: Auf diese Weise kann sich jeder an der Spendenaktion beteiligen. Die Idee dazu kam von Dennis Kissel und einigen Freunden. Er ist Geschäftsführer eines kommunalen Abfallunternehmens im schleswig-holsteinischen Elmenhorst. In einer Kneipe in Spanien entstand die Idee – wieder zurück in Deutschland gründen sie den Verein „Deckel drauf“, schaffen die Infrastruktur, entwerfen Flyer und hoffen auf viele Deckelspenden. Das war im Sommer 2014.

„Es hat am Anfang ewig gedauert, bis wir die ersten zwei 36-Kubikmeter-Container voll hatten“, erinnert sich Kissel. Voll gefüllt mit Plastikdeckeln ergibt das gut 15 Tonnen. Dafür ist die Euphorie bundesweit mittlerweile umso größer. „In diesem Jahr haben wir schon 200 Tonnen in die Verwertung gegeben“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Weil der Verein die Deckelsammelei in Deutschland angestoßen hat, konnten bereits 85.000 Euro erwirtschaftet werden – mit alten Deckeln, die sonst vielleicht in der Müllverbrennung gelandet wären. „Wir sammeln etwas, das nichts wert ist. Aber wir setzen mit ganz vielen Menschen an und bewirken dann etwas“, sagt Kissel dazu. Dass die Aktion mittlerweile bundesweit ein so großes Echo auslöst, überrascht ihn immer wieder. „Wenn beim G7-Gipfel in Deutschland das Service-Personal Deckel für uns sammelt, müssen wir schon schlucken.“

Nebenbei Umweltbewusstsein geschärft

In der Würzburger Grundschule haben die Kinder der Klasse 4b erst vor wenigen Tagen die 100 000-Deckel-Marke geknackt – das macht etwa 200 Impfungen. Silke Rock, die Klassenlehrerin von Milla, Frieda und Clara, ist begeistert von dem Projekt: „Die Aktion stärkt das Umweltbewusstsein. Es bringt ihnen bei, nicht nur an sich selbst denken, sondern auch an andere“, sagt sie. Die Mädchen haben inzwischen alle Deckel gezählt. 860 Stück gingen an dem Morgen durch ihre Finger.

Um ausreichend Nachschub für die nächste Deckel-Zähl-Aktion müssen sie sich keine Sorgen machen. Dafür sorgen sie schließlich auch selbst: „Jeden Samstag, bevor Mama beim Einkaufen alle Pfandflaschen wegbringt, schraube ich immer alle Deckel ab“, sagt Frieda und lacht zufrieden.

Kinderlähmung und das Rotary-Projekt „End Polio now“
Die Infektionskrankheit Poliomyelitis, die in Deutschland Kinderlähmung heißt, ist hochansteckend. Der Poliovirus ist beispielsweise in durch menschliche Fäkalien verunreinigtem Wasser zu finden. Er macht meist unter fünf Jahre alte Kinder krank. Der Erreger greift das Nervensystem an. Das kann Lähmungen verursachen und zum Tod führen. Es gibt keine Heilung, aber einen Impfschutz durch eine einfache Schluckimpfung. Die Impfkosten für die Grundimmunisierung pro Kind liegen der Hilfsorganisation Unicef zufolge bei etwa 68 Eurocent.
Die Rotary-Clubs wollen die Krankheit weltweit ausrotten. Um das zu erreichen, müssen laut Unicef gerade Kinder in abgelegenen oder Krisengebieten geimpft werden. Die Idee wurde in den 1980er Jahren zum humanitären Hauptanliegen des Wohltätigkeitsclubs. Der weltweiten Initiative „End Polio now“ (Polio jetzt stoppen) folgten die ersten
Erfolgsmeldungen. Zu Beginn wurden Rotary und WHO zufolge pro Jahr
noch mehr als 350.000 Opfer in 125 Ländern registriert. Schon 1994 galt die Krankheit in Amerika als ausgerottet, 2002 in Europa.
Heutzutage sind nur noch drei Länder intensiv betroffen: Afghanistan, Nigeria und Pakistan. Mehr als eine Milliarde Dollar hat Rotary eigenen Angaben zufolge bislang für die Ausrottung der Kinderlähmung gesammelt. Auch Microsoft-Gründer Bill Gates und seine Frau gaben bereits mehrere Hundert Millionen Dollar. Um den Kauf der Impfungen kümmert sich Unicef.
Rotary hat in Deutschland etwa 53.000 Mitglieder in gut 1000 Clubs, weltweit sind es den Angaben zufolge rund 1,2 Millionen Mitglieder.

(RP/dpa)

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

Diesen Beitrag kommentieren

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weiter(sc)rollen – Thema: Bayern

Neueste Beiträge

Top-Themen

Am häufigsten gelesen

Das Aufreger-Thema

Facebook

Neueste Kommentare

Neuestes Parkplatzschwein

Baden-Württemberg

Falschparker/in: AA-LZ 606

Von 17. April 2018
Aufzug