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Warum Barrierefreiheit im Schienenverkehr immer noch ein teilweise großes Problem ist

Alltag

Warum Barrierefreiheit im Schienenverkehr immer noch ein teilweise großes Problem ist

Betroffene berichten in einer öffentlichen Anhörung des Bundestags-Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur. Unternehmen loben sich selbst.

Am Münchner Hauptbahnhof. (Foto: Shutterstock)

Am Münchner Hauptbahnhof. (Foto: Shutterstock)

Beim Bemühen um mehr Barrierefreiheit im Schienenverkehr hat sich aus Sicht des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) in den vergangenen Jahren viel verbessert. Allerdings bleibe auch weiterhin viel zu tun, sagte Ulf Schwarz, BSK-Geschäftsstellenleiter, am Montag während einer öffentlichen Anhörung des Bundestags-Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Schwarz ging unter anderem auf die Diskussion um die Angleichung der Bahnsteighöhen ein. Entscheidend für die Barrierefreiheit sei, dass „Zug und Bahnsteighöhe zueinander passen“. In der Realität sei das aber oft nicht der Fall. Ein weiteres großes Problem stelle das fehlende Personal an Bahnhöfen dar, die nicht zu den Knotenpunkten gehören. Dies beträfe vor allem den Pendlerverkehr. Menschen mit Mobilitätseinschränkung könnten hier keine Hilfeleistung in Anspruch nehmen, beklagt Schwarz. Wenn Personal vorhanden ist, sei dieses oftmals leider nicht ausreichend geschult, um die fahrzeuggebundenen Einstiegshilfen zu beherrschen.

Schließlich machte der BSK-Vertreter noch auf ein Problem mit dem Bahnwettbewerber Flixtrain aufmerksam. Die von dem Unternehmen eingesetzten, oft älteren Wagen, seien „ganz weit weg von Barrierefreiheit“.

Probleme auch für blinde Gäste

Seine Erfahrungen mit der Deutschen Bahn AG (DB AG) schilderte Peter Wenndorf, dessen Frau auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Einzig beim „alten“ Modell des ICE 1 seien die Gänge breit genug, damit Rollstuhlfahrer, aber auch Kinderwagen hindurchpassen würden. Problematisch seien bei Wagen der neueren ICE-Generation auch die Evakuierungssituationen. Als unlängst ein ICE „gestrandet“ sei, habe die Feuerwehr eine Rampe aus einem Holzgestell bauen müssen, um einen Elektrorollstuhlfahrer bergen zu können. Drei Stunden habe dieser Evakuierungsprozess gedauert, sagte Wenndorf.

Für Blinde und Sehgeschädigte gebe es schon bei der Planung einer Reise Probleme, sagte Rüdiger Leidner, Vorsitzender des Vereins „Tourismus für Alle Deutschland“. So sei die Website der DB AG „nicht barrierefrei im Sinne der Bundesinformationstechnikverordnung“. Nächstes Problem sei, dass der von der Bahn angebotene Mobilitätsservice zwar telefonisch erreichbar sei, es aber an kleineren Bahnhöfen keine Mitarbeiter gebe, die behilflich sein können. Fänden sich dann an den Bahnhöfen Blindenleitsysteme so seien die vielfach unterschiedlich aufgebaut und würden „an der Bahnhofstür enden“.

Deutsche Bahn stellt ihre Bemühungen heraus

Ellen Engel-Kuhn, Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten bei der DB AG, stellte die Bemühungen des Unternehmens zur Schaffung von Barrierefreiheit heraus. DB Station&Service betreibe rund 5.400 Bahnhöfe, von denen rund 77 Prozent stufenlos erreichbar seien, sagte Engel-Kuhn. Pro Jahr würden durchschnittlich 100 Stationen verbessert. Außerdem seien 4.800 der 9.300 Bahnsteige bereits mit einem taktilen Leitsystem aus Bodenindikatoren ausgestattet.

Die Bahn-Vertreterin verwies zugleich auf neue Fahrzeuge wie den ICE 4, der seit 2017 im Einsatz ist und „Maßstäbe setzt, was das Thema Barrierefreiheit angeht“. Der ICE 4 sei gemeinsam mit den Menschen mit Behinderungen entwickelt worden, betonte Engel-Kuhn. Zu enge Gänge gebe es im ICE 4 nicht, sagte sie. Es seien die Vorgaben aus der entsprechenden EU-Verordnung umgesetzt worden.

Martin Schmitz, Geschäftsführer für den Bereich Technik im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), sagte, Barrierefreiheit sei wichtig, wenn es darum geht, die Attraktivität des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) zu erhöhen. Gemeinsam mit dem Städtebund sei errechnet worden, dass in dem Bereich aktuell Investitionen in Höhe von 20 Milliarden Euro benötigt würden. Gefragt, welche Maßnahmen schnell umsetzbar seien, sagte der VDV-Vertreter: „Bauen geht nie schnell.“ Die Maßnahmen müssten gut durchdacht und strategisch abgestimmt sein. „Schnelle“ Maßnahmen könnten eher im digitalen Bereich liegen, etwa beim Routing und der Reiseunterstützung.

(RP/hib/HAU)

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9 Kommentare

9 Kommentare

  1. Gabriele Dehm

    15. Oktober 2018 um 19:40

    es sind Bemühungen im Gange, ist jedoch noch sehr viel wie genannt zu tun.

  2. Alexandra Becht

    15. Oktober 2018 um 19:41

    Ich komme mit meinem Rolli weder in den ICE noch IC….

  3. Beri Netzwerkfrau Becker

    15. Oktober 2018 um 21:17

    Angeblich waren MmB an der Entwicklung des neuen ICE4 beteiligt. Aber wohl keine E-Rollstuhlfahrer. Oder warum sonst ist der Einstiegsbereich so eng, dass er nur mit viel Rangieren passierbar ist? Und die Toilette ist nicht nutzbar, da mitten in der Tür ein zusätzlicher Papierkorb verbaut ist.

    • Jan Kajnath

      16. Oktober 2018 um 10:19

      Ich hab mich schon auf den ICE 4 gefreut, bin noch nie damit gefahren mit meinen E-Rolli. Das mit dem Papierkorb klingt echt dämlich! 🤦🏼‍♂️

  4. Stefan Himbert

    15. Oktober 2018 um 23:47

    Fragt mal in Hanau nach. Ihr wollt nach 17:00 auf den Bahnsteig. Wird der Service 1 Tag vorher abgesagt.

  5. Wolfgang Mizelli

    16. Oktober 2018 um 01:09

    weil konstrukteur*innen nicht behindert sind?

  6. Nicola Wehner

    16. Oktober 2018 um 08:44

    Wir nutzten den Mobility Service der Bahn der auch klappte (Kinderrollstuhl). Der TGV ist aber extrem eng, ICE ging ganz gut – der IC ist alleine als Mutter kaum zu schaffen. Allerdings wäre so ein kurzes Mitanpacken anderer Reisender auch schon eine Hilfe. Was beim Kinderwagen klappt sollte auch beim Rollstuhl klappen, einfach schnell mithelfen😊

  7. Andrea Kockmann

    16. Oktober 2018 um 09:48

    Es scheitert aber nicht nur an baulichen Voraussetzungen, die nur erfüllt werden können, wenn es genormte Züge und dann genormte Bahnsteige EU-weit gäbe. Es scheitert daran, dass der Bundesregierung die Umsetzung der EU-Verordnung im Grunde pupsegal zu sein scheint. Ansonsten gäbe es Kontrollen bei der Umsetzung in allen Bereichen. Und zuletzt scheitert an dem vielen Brettern, die nicht behinderte Menschen vor dem Kopf haben. Sie vergessen dabei nur allzu oft, dass ein Fingerschnippen ausreichen kann um selber in der Situation zu sitzen. Das werden dann die Grantelköppe, die alles sofort haben müssen.

  8. Matthias Edo

    16. Oktober 2018 um 10:09

    Ganz schlimm ist auch, dass es in der ersten Klasse keine Rollstuhlplätze gibt!

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