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Warum soll E-Sport kein anerkannter Verbandssport sein?

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Warum soll E-Sport kein anerkannter Verbandssport sein?

Der Deutsche Behindertensportverband hat mit seiner Einschätzung eine Kontroverse unter Menschen mit Behinderung augelöst. Auch Heinrich Popow meldet sich zu Wort. Von Holger Schmidt

Heinrich Popow (Foto: Neuspree Media GmbH)

An jene beeindruckende Show im paralympischen Dorf von London 2012 erinnert sich Heinrich Popow noch genau: Zahlreiche Sportler hatten sich zum „FIFA-Zocken“ getroffen, also zum Fußballspielen auf der Konsole. „Plötzlich kam ein russischer Leichtathlet ohne Arme hinzu und hat uns alle in Grund und Boden gespielt. Er hat sich den Controller zwischen die Füße geklemmt und gezockt wie ein Irrer. Keiner von uns hatte eine Chance gegen ihn.“

Für den zweimaligen Paralympicssieger Popow – soeben zum offiziellen „Botschafter und Kümmerer des Para-Sports“ ernannt – hat dieses Beispiel gezeigt, dass E-Sport für den Behindertensport auch eine große Chance sein kann. „Denn in manchen Disziplinen können es Para-Sportler schaffen, mit Nichtbehinderten mitzuhalten.“

Auch der Deutsche Behindertensportverband (DBS) sieht laut Präsident Friedhelm Julius Beucher „die Chancen des E-Sports für schwerer Behinderte“. In der vergangenen Woche hat der DBS die Aufnahme von E-Sport zwar abgelehnt (ROLLINGPLANET berichtete: Behindertensportverband: E-Sport ist kein Sport), „aber wir begleiten diese Entwicklung mit“, sagt Beucher: „Ich habe persönlich höchsten Respekt vor den körperlichen Anforderungen des E-Sports. Ich habe einen Profi von Schalke getroffen, um mich zu informieren. Die Notwendigkeit von psychischer und physischer Fitness hat mich beeindruckt.“

Keine Ballerspiele

Was der DBS klar ablehnt, sind sogenannte Ballerspiele. „Es kann kein Spiel sein, wenn man mit Hilfe von technischen Möglichkeiten auf Menschen schießt“, sagt Beucher. „Das ist ethisch und moralisch nicht vertretbar und hat auch nichts mit Lebensfreude zu tun. Deshalb weisen wir das mit Empörung zurück.“

Doch auch unter den Para-Sportlern gibt es durchaus konträre Meinungen zu der Frage: Ist E-Sport auch Sport? „Nur weil ich Sport spiele, treibe ich keinen Sport“, sagt der unterschenkelamputierte Weitsprung-Weltrekordler Markus Rehm: „Ich finde es seltsam, wenn Kinder sagen, sie treiben Sport und sitzen dann den ganzen Tag vor der Konsole.“ Auch die im Rollstuhl sitzende Andrea Eskau, achtmalige Paralympicssiegerin mit dem Handbike, im Langlauf und im Biathlon, meint: „Reines Zocken ist für mich kein Sport. Für mich persönlich fällt beim E-Sport alles weg, was für mich Sport bedeutet: Das Draußensein, das Schwitzen. Ich will beim Sport meinen Körper spüren.“ Dennoch sieht sie „auch einige Parallelen“.

Hauptsache Leidenschaft

So geht es auch dem kleinwüchsigen Kugelstoß-Paralympicssieger Niko Kappel. Er sitzt für die CDU im baden-württembergischen Landtagsfachausschuss für Sport und Ehrenamt und erzählt, dass sich das Gremium gerade mit dem Thema E-Sport beschäftige. Er selbst wolle sich erst einmal ein genaues Bild verschaffen, trifft sich deshalb demnächst mit Vertretern des VfB Stuttgart. „Klar ist für mich: Mit Bewegung ist Sport gesünder“, sagt Kappel: „Aber die Werte des Spiels, zum Beispiel lernen im Team zu agieren oder zu verlieren, können durchaus auch beim E-Sport vermittelt werden.“

Für Popow ist derweil klar: „Alles, was man mit Leidenschaft macht, kann Sport sein. Es gibt auch Menschen, die behaupten, paralympischer Sport sei kein Sport, sondern Rehabilitation. Deshalb sollten wir uns nicht hinstellen und darüber urteilen, was Sport ist und was nicht.“ Im Endeffekt werde die Gesellschaft entscheiden, als was der E-Sport gilt, sagt Popow. Und ergänzt schmunzelnd: „Ich zocke auch gerne mit meinen Freunden FIFA. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich sofort E-Sport-Profi werden. Leider bin ich da ein totaler Loser.“

(RP/dpa)

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