Kontaktieren Sie uns

Rollingplanet | Portal für Menschen mit Behinderung

Wegen Fehldiagnose amputierter Junge: Arzt verurteilt

Gesundheit & Medizin

Wegen Fehldiagnose amputierter Junge: Arzt verurteilt

Kieler Gericht sieht Behandlungsfehler. Woran erkenne ich als Laie, dass mein Kind eine Hirnhautentzündung haben könnte?

Meningokokken (Neisseria meningitidis) sind häufig Erreger bakterieller Meningitiden im Jugend- und Erwachsenenalter (Foto: Dr. Brodsky)

Wegen einer Fehldiagnose mussten dem heute siebenjährigen Jeremy Beine und Fingerglieder amputiert werden (ROLLINGPLANET berichtete). In dem Prozess um den Behandlungsfehler hat das Kieler Landgericht am Freitag einen Kinderarzt aus Neumünster grundsätzlich zur Zahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld verurteilt. Er habe einen groben Behandlungsfehler gemacht, urteilte das Gericht.

Die Höhe der Ansprüche des Jungen müssten in weiteren Verhandlungen ermittelt werden, sagte der Vorsitzende Richter Hans-Rudolf Stein. Die Familie des Jungen fordert Schadensersatz in Höhe von mindestens einer Million Euro. Der Arzt und dessen Haftpflichtversicherung bestreiten den Kunstfehler.

Das damals zwei Jahre alte Kind war im Jahr 2007 Notfallpatient des Mediziners. Der Arzt diagnostizierte statt einer Gehirnhautentzündung nur einen Magen-Darm-Infekt und schickte Eltern und Kind mit einem Rezept wieder nach Hause. Der Junge erlitt kurz darauf eine schwere Sepsis und fiel ins Koma. Ärzte der Uni-Klinik Lübeck kämpften zwei Monate um das Leben des Kindes. Um ihn zu retten, mussten Beine und Fingerglieder amputiert werden.

„Der Arzt verkannte durch unzureichende Befunderhebung eine Meningitis“, stellte der Vorsitzende Richter Hans-Rudolf Stein unter Berufung auf mehrere Sachverständigen-Gutachten fest. „Dadurch konnte sich eine bakterielle Meningokokken-Sepsis entwickeln.“ Der Arzt hätte demnach eine Blutuntersuchung anordnen müssen, die nach aller Wahrscheinlichkeit die bakterielle Infektion nachgewiesen hätte, sagte Stein. Er habe demnach einen groben Behandlungsfehler begangen.

“Erster wichtiger Etappensieg“

Jeremys Anwalt Frank Albert Sievers sprach von einem „ersten wichtigen Etappensieg“. Der Arzt und dessen Haftpflichtversicherung bestreiten aber einen Kunstfehler. Sie können den Richterspruch mit einer Berufung anfechten.

Sollten der beklagte Kinderarzt und dessen Haftpflichtversicherung gegen das Urteil in Berufung gehen und oder später sogar Revision einlegen, könnten bis zur Rechtskraft noch Jahre vergehen, sagte Sievers. Solange trägt die Krankenversicherung des Jungen die Behandlungskosten.

Jeremys Rechtsanwalt kündigte für den Fall, dass das Urteil mit Berufung angefochten wird, eine Klageerweiterung an. „Dann machen wir noch weitere Ansprüche geltend“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Dabei ginge es „um einen namhaften siebenstelligen Betrag“. Sievers rief Arzt und Versicherung „im Interesse aller Beteiligten zu einer einvernehmlichen Regelung» auf.

Der auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Jurist kämpft seit Jahren um Entschädigungszahlungen für das Kind. Nachdem gütliche Einigungen scheiterten, reichte er 2010 schließlich Klage gegen den Arzt und dessen Haftpflichtversicherer ein.

Eine Sprecherin der Haftpflichtversicherung hatte am Donnerstag schriftlich erklärt, bei Jeremy handele sich „um einen ganz besonders tragischen Fall, den wir alle zutiefst bedauern“. Man habe aber die Verpflichtung, etwaige Ansprüche gegen den Arzt genau zu prüfen.

Was ist eine Hirnhautentzündung?

Fachbegriff: Meningitis (Plural: Meningitiden). Entzündung der Hirn- und Rückenmarkshäute, der Hüllen des zentralen Nervensystems (ZNS). Sie kann durch Viren, Bakterien oder andere Mikroorganismen verursacht werden, aber auch aufgrund nichtinfektiöser Reize auftreten.

Da eine bakterielle Meningitis aufgrund der unmittelbaren Nähe der Entzündung zu Gehirn und Rückenmark grundsätzlich lebensbedrohlich ist, stellt eine Meningitis bis zum sicheren Ausschluss einer bakteriellen Ursache immer einen medizinischen Notfall dar.

Häufigste Symptome: Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit, verbunden mit Fieber, Verwirrtheit oder Bewusstseinsminderung, Übelkeit und einer Überempfindlichkeit gegen Licht und laute Geräusche. Vor allem Kinder können, insbesondere in der Anfangsphase, auch unspezifische Symptome wie Reizbarkeit und Benommenheit zeigen. Ein charakteristischer Hautausschlag gilt als Hinweis auf das Vorliegen einer durch Meningokokken hervorgerufenen Meningitis.

Üblicherweise wird das Vorliegen der Krankheit durch die Analyse von Hirn-Rückenmarksflüssigkeit, welche durch eine Lumbalpunktion entnommen wird, bestätigt oder ausgeschlossen. Eine Meningitis wird durch die rechtzeitige Gabe von Antibiotika und falls nötig mit antiviralen Substanzen behandelt.

Eine Meningitis kann, vor allem wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird, tödlich enden oder zu schwerwiegenden Folgeschäden wie Taubheit, Epilepsie, einem Hydrozephalus oder kognitiven Beeinträchtigungen führen.

Zum Schutz vor bestimmten Erregern der Meningitis existieren Impfungen.

(dpa/Wikipedia)

Weiterlesen
Das könnte Sie auch interessieren…

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

Diesen Beitrag kommentieren

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weiter(sc)rollen – Thema: Gesundheit & Medizin

Neueste Beiträge

Top-Themen

Am häufigsten gelesen

Das Aufreger-Thema

Neueste Kommentare

Neuestes Parkplatzschwein

Besonders dreiste Falschparker (I)

Falschparker/in: KB-M 7001

Von 16. Mai 2018
Aufzug