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Werden Rollstuhlfahrer sichtbarer?

Gesellschaft & Politik

Werden Rollstuhlfahrer sichtbarer?

Auf der Bühne sind gleich zwei Comedians im Rollstuhl erfolgreich. Die Geschichte der verunglückten Radsportlerin Kristina Vogel hat viele Menschen bewegt. Bahnt sich hier eine positive Entwicklung an? Von Caroline Bock

Der deutsch-türkische Comedian Tag Caglar.

Der deutsch-türkische Comedian Tag Caglar. (Foto: Swen Pförtner/dpa)

Der Comedian Tan Caglar hätte gerne eine eigene Sendung. Rollstuhlfahrer wie er werden als Interviewpartner eingeladen. Aber als Gastgeber auf der anderen Seite gibt es sie so gut wie nie. Caglar sagt: „Ich glaube, wenn ein türkischstämmiger Rollstuhlfahrer eine Sendung im deutschen Fernsehen hat, dann hat man eine Revolution geschaffen.“

Worauf er Wert legt:

„Ich bin kein Rollstuhl-Comedian, sondern ich bin ein Comedian, der zufällig im Rollstuhl sitzt.“

Er erzählt wie viele seiner Kollegen aus dem eigenen Alltag: Etwa, wenn sich Frauen im Club einfach auf seinen Schoß setzen. Oder was passiert, wenn er als Deutschtürke mit Lederjacke, Dreitagebart und schickem Auto auf den Behindertenparkplatz fährt. Dann gucken ihn die Leute an wie einen Schwerverbrecher, erzählt er im dpa-Interview.

Der 39 Jahre alte Hildesheimer sitzt wegen einer angeborenen Rückenmarkserkrankung im Rollstuhl, seit er Anfang 20 ist. Erst war er zwei Jahre depressiv. Dann brachte ihm der Rollstuhl, so sieht er es, eine bemerkenswerte Karriere. Caglar ist Profi-Basketballer und Coach. Er hat bei einer Fernsehsoap mitgespielt und bei der Berliner Fashion Week gemodelt. Sein Comedy-Programm heißt wie Caglars Buch,  das im Juli erscheint: „Rollt bei mir!“

Der Teenie-Comedian Carl Josef (14) bei der Online-Comedy-Sendung "NightWash".

Der Teenie-Comedian Carl Josef (14) bei der Online-Comedy-Sendung „NightWash“. (Foto: myspass/brainpool/dpa)

Das könnte auch Rollstuhlfahrer Carl Josef sagen, der mit gerade mal 14 Jahren zum Internetliebling wurde. Seine sieben Minuten lange Nummer in der Comedy-Sendung „NightWash“ wurde binnen weniger Stunden mehr als 1,8 Millionen Mal angeklickt. Für den Teenager aus Vechelde bei Braunschweig war es erst der dritte öffentliche Auftritt überhaupt. Ein Auszug: „Ihr fragt euch jetzt alle dasselbe“, sagt er. „Und ich weiß, ich muss es ansprechen – und ja: ich bin Single.“

Prominente Rollstuhlfahrer rücken in den Fokus

Es sind noch nicht viele, aber es fällt auf: In Deutschland könnte sich eine neue Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen anbahnen. Der heutige Bundestagspräsident und langjährige Bundesminister Wolfgang Schäuble war lange einer der wenigen Prominenten im Rollstuhl, er braucht ihn seit einem Attentat vor fast 30 Jahren.

Nach Angaben des Vereins Sozialhelden sind rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland Rollstuhlfahrer. Einer davon ist die Olympia-Siegerin Kristina Vogel. Ihr Schicksal hat viele Menschen bewegt. Bis zu einem Trainingsunfall vor einem Jahr war die 28-Jährige die beste Bahnradsportlerin der Welt, seitdem ist sie vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt.

Die Radsportlerin Kristina Vogel ist seit einem Trainingsunfall im Sommer 2018 querschnittgelähmt.

Die Radsportlerin Kristina Vogel ist seit einem Trainingsunfall im Sommer 2018 querschnittgelähmt. (Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa)

Danach kamen die Reha und ein neues Leben mit Rollstuhl. Sie ist Gastrednerin, wurde als Parteilose für die CDU in den Erfurter Stadtrat gewählt und tritt als Bahnrad-Expertin im ZDF auf. Sie hat sich Schäuble zum Vorbild genommen, beide haben den gleichen Sporttherapeuten.

„Ich habe 18 Jahre gemacht, was ich am meisten geliebt habe“, sagt Vogel. „Jetzt geht es halt weiter. Ich darf coole Sachen machen. Ich bin dankbar, dass ich die Chance bekomme. Ich lerne mich anders kennen.“ So kitschig es klingt, bei ihr stimmt der Spruch: Das Leben gab ihr Zitronen, sie will Limonade daraus machen – das hat Vogel zum Jahrestag des Unfalls getwittert. Dazu hat sie ein Video gestellt,  das ihre letzten Momente auf dem Profi-Rennrad zeigt.

Internet verstärkt Sichtbarkeit

Krankheit und Behinderungen sind durch das Internet präsenter als früher. Der Youtube-Kanal „Gewitter im Kopf“ über das Leben mit Tourette-Syndrom, das die Betroffenen unvermittelt wüst schimpfen lässt, hat mehr als 1,3 Millionen Abonnenten. Im Netz kann man sich auch anschauen, wie die kalifornische Frauentruppe „Rollettes“ im Rollstuhl tanzt. Am New Yorker Broadway gab es im Juni eine Premiere:  Die Schauspielerin Ali Stroker („Oklahoma!“) gewann als erster Mensch im Rollstuhl einen Tony, den wichtigsten Theaterpreis.

Raúl Aguayo-Krauthausen (Foto: Andi Weiland/Sozialhelden e.V. , CC by)

Raúl Aguayo-Krauthausen (Foto: Andi Weiland/Sozialhelden e.V. , CC by)

Sind Vorurteile und Unsicherheiten noch an der Tagesordnung? Der Berliner Aktivist und Rollstuhlfahrer Raul Krauthausen sagt, es komme immer wieder vor, dass Menschen mit Behinderung als „Inspiration“ gelten, weil sie so viel „Lebensfreude ausstrahlen“. Ein Beispiel sind für ihn die Reaktionen auf den 14 Jahre alten Carl Josef. Für Krauthausen gilt: „Viele Wochen können vergehen, ohne dass meine Behinderung eine Rolle spielt, aber dann kann es wieder hart kommen und ich merke Vorurteile, die aufgrund meiner Behinderung entstanden sind.“

Bei der Gleichstellung sieht Krauthausen noch viel zu tun. „In den Medien wird Inklusion vor allem im Bereich Schule und Arbeitsmarkt diskutiert, als gäbe es ein Entweder-Oder. Dabei vergisst man oft,  dass es sich in vielen Bereichen der Inklusion schlichtweg um Rechte handelt, die noch nicht durchgesetzt worden sind.“

Über Inklusion wird viel geredet, aber wenig umgesetzt

Der Comedian Tan Caglar mag den Begriff Inklusion nicht sonderlich.  Es gebe kein Thema, über das so viel geredet werde, aber so wenig umgesetzt werde, findet Caglar. Es könne nicht sein, dass Wörter für Menschlichkeit erfunden werden müssten.

Auf der anderen Seite sieht Caglar ein „leichtes Voranschreiten“ bei der Gleichbehandlung.

„Ich glaube zum Beispiel nicht, dass vor zehn Jahren Rollstuhlfahrer auf der Bühne so akzeptiert worden wären.“

Das liege aber nicht nur an den Leuten, sondern auch an den Rollstuhlfahrern selbst, weil diese es sich gar nicht getraut hätten.

Raul Krauthausen sagt, Inklusion wäre dann erreicht, wenn die Comedians sich über Barrieren nicht mehr lustig machen müssten, da diese nicht mehr existierten. Schön fände er es, wenn sie auch über ganz andere Themen Witze machen würden. „Frauen machen ja auch nicht nur Frauenwitze.“

Tan Caglar sieht das ähnlich. Er kommt von der Comedy weg, die beschreibt, was ihn von anderen unterscheidet. In seiner Show fragt er dann das Publikum: „Ist euch mal aufgefallen, dass ich die letzte halbe Stunde überhaupt keine Witze über Behinderungen oder den Rollstuhl gemacht habe?“

(RP/dpa)

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