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Wunderbar, grausam und zerbrechlich: 
„Das Leben der Sternentaucherin“

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Wunderbar, grausam und zerbrechlich: 
„Das Leben der Sternentaucherin“

Ingrid Leitner erzählt von ihrem Weg zum eigenen Selbstwert. Von Bettina Maier

Autorin Ingrid Leitner zeigt in ihrem Buch, dass es sich zu kämpfen lohnt.

Autorin Ingrid Leitner zeigt in ihrem Buch, dass es sich immer zu kämpfen lohnt. (Foto: privat)

Ein Leben zwischen tiefster Verzweiflung und berauschenden Glücksmomenten. Ingrid Leitner verbringt 60 Jahre im Rollstuhl und nimmt uns mit auf eine Reise voller Extreme. Sie bekommt die letzte Salbung, studiert, erwirbt einen Doktortitel und arbeitet über 30 Jahre als Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk. Ihre Geschichte berührt im Innersten und hält ein wertvolles Geschenk für den Leser bereit.

Von der Magie des Lebens in die Eiserne Lunge

Mit 15 Jahren erkrankt das hübsche, zurückhaltende Mädchen an Kinderlähmung und weiß nicht ansatzweise, was mit ihr geschieht. Gerade noch erlebte sie im Italienurlaub mit den Eltern eine Zeit des Entdeckens, genoss ihren funktionierenden Körper, das Abenteuer Leben noch vor sich, voller Magie und erster Flirts. Zurück in München dann plötzlich die Einlieferung ins Klinikum, die ernsten Mienen der Erwachsenen, keine Erklärungen oder Antworten. Eines Abends kann sie die Krankenhauskost nicht mehr schlucken, die Lähmung setzt gnadenlos ein. Ingrid wird in die Eiserne Lunge gesteckt, die ab sofort die Beatmung ihres gelähmten Körpers übernimmt, 24 Stunden lang, zwischen Leben und Tod. Was passiert nur mit ihr? 

Mischung aus Mitgefühl und Entsetzen

Mit großer Sprachgewalt und nachwirkenden Worten führt uns Ingrid Leitner durch eine Zeit absoluter Einsamkeit, sie beschreibt das Umschlossensein von der „Atemtonne“, diesem namenlosen Schrecken. Das Mädchen erleidet Nächte voll Seelenqualen, „nicht mal sterben lässt man sie.“ Die ergreifende Ehrlichkeit, mit der sie ihr inneres und äußeres Erleben offenbart, lässt Nähe und Verbundenheit  entstehen. Häufig lösen ihre Schilderungen eine Mischung aus Mitgefühl und Entsetzen aus.

Ingrid Leitner in einer Ausstellung.

Ingrid Leitner ist im Alter von 15 Jahren an Kinderlähmung erkrankt. (Foto: privat)

Denn „vom Schicksal vergewaltigt“, erlebt die gelähmte Ingrid immer wieder beschämende Situationen. Wie bloßgestellt mag sich ein in der Pubertät steckendes Mädchen nur fühlen, wenn es, bekleidet mit einem Krankenhaushemd mit Blick auf den nackten Po, durch öffentliche Gänge getragen wird? Wie hilflos ausgeliefert bei der urologischen Untersuchung, als der grobe Arzt, ohne Rücksicht auf ihre unbeschreiblichen Schmerzen, die Beine spreizt? „Wortlose, namenlose Gewalt zu ihrem besten“ – so beschreibt sie die Geschehnisse.

Doch das Leben der Sternentaucherin ist eine Reise zum eigenen Selbstwert und zur inneren Kraftquelle, die uns Menschen innewohnt. Irgendwann lernt Ingrid wieder selbst zu atmen, mühsam Stück für Stück. Als sie zum ersten Mal im Rollstuhl sitzen kann, befreit aus der Eisernen Lunge, spürt sie unbändige Lebenslust. Mit einem Mal scheint ihr wieder alles möglich zu sein.

Eine Entscheidung für das Leben 

Wie aber wurde Ingrid Leitner zur Sternentaucherin? Indem sie sich für das Leben entscheidet! Sie entführt uns in eine Welt der Fantasie und der Gedanken, in der Bewegung keine Rolle spielt. Hier hat sie Zugriff auf alles. Sie taucht ein in die Literatur, verschlingt Freud, Laotse, Dostojewski, Buddha, sie schwelgt in expressionistischer Kunst und klassischer Musik, badet in den Reichtümern dieser Welt, holt das Abitur nach, studiert und promoviert in Germanistik.

Doch sie erzählt auch von einem ständigen Hin- und Hergerissensein zwischen den Extremen des Lebens, dem betörenden Rausch und dem blanken Elend. Obwohl von vielen Freunden und Förderern umgeben, fühlt sie sich Zeit ihres Lebens als Außenseiterin, niemals erlaubt sie sich, ihre erlebten Grausamkeiten einfach nur rauszuschreien – sei es aus Angst vor Abwertung oder um ihre Mitmenschen zu schonen, vor allem die Eltern.

Für Ingrid Leitner mag es eine große Herausforderung gewesen sein, dem Leser all ihre Verletzungen, Gedanken und Gefühle anzuvertrauen. Sie schrieb ihre Geschichte in der dritten Person, da die Ich-Form für sie zu schmerzhaft war. So bergen ihre Zeilen auch einen Appell zu mehr Menschlichkeit – anderen mit offenem Herzen zu begegnen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, achtsam durchs Leben zu gehen, Bewertungen loszulassen… 

Cover des Buches "Das Leben der Sternentaucherin" von Ingrid Leitner.

(Foto: Info3 Verlag)

Und das Geschenk für den Leser? Vielleicht die Erkenntnis, dass die hellsten Sterne in der tiefsten Dunkelheit strahlen. Meist sind es die Tiefen des Lebens, die uns in unsere ureigene Stärke führen. Ingrid Leitner ging durch die Dunkelheit hindurch, Kraft schöpfend aus einer inneren Quelle, dem Licht und der Liebe entgegen.

Sie starb im März 2017 an den Folgen ihrer Krankheit.

Das Leben der Sternentaucherin
Ein poetisch-autobiografischer Roman von Ingrid Leitner
erschienen im Info3 Verlag, 19,90 Euro

https://www.info3-shop.de/produkt/das-leben-der-sternentaucherin/

(RP)

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